Marin T. Kael
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Prägungen des ReichesBand I

Hörprobe

Die ersten Minuten aus Das vierte Feld

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4 Min · Kapitel 1 · Graues Wachs · gelesen von digitalen Stimmen

Du hörst die Eröffnung: den Moment, in dem Arin den ersten Bruch sieht, die erste graue Stanzung im Wachs, das erste Wort, das man in der Stadt leise sagt, als könnte es sich sonst vermehren.

Was du im Audio hörst, wortgetreu.

Der erste Stein fiel leise.

Arin hörte ihn nicht. Er spürte ihn – nicht als Aufprall, sondern als Lücke. Im Hinterhof des Salzspeichers vergaß die Treppe ihre Schwere. Einen Augenblick lang trugen die Stufen nur noch die Erinnerung an Gewicht. Das reichte. Ein Hafenarbeiter schleppte gerade Eimer hinauf und trat mit dem Fuß ins Nichts. Er ruderte mit den Armen, als ließe sich Luft greifen, und prallte an eine Wand, die eben noch nicht dort gewesen war. Die Wand schwankte. Sie wurde zu einer Tür, die niemand gebaut hatte, und dann wieder zu bröseligem Putz.

„Halt still!“, rief jemand, zu spät für das, was keinen Halt mehr kannte.

Arin duckte sich unter einer Leine hindurch – feuchte Segeltücher, salzig, schwer – und bahnte sich einen Weg durch den Hof. Er war klein genug, um zwischen zwei Fässern durchzurutschen, schnell genug, um dem funkelnden Sprühen aus einer Laterne auszuweichen. Die Laterne brannte ohne Öl, die Flamme stand still in der Luft, ein goldener Dorn, der nicht flackerte.

„Nicht anfassen!“, brüllte der Vorarbeiter. Er meinte die Treppe. Oder den Mann, der jetzt auf den Knien lag und lachte, ein kurzes, ungläubiges Lachen, das in ein Würgen brach.

Arin blieb stehen und atmete durch den Mund. Der Geruch von Salz, nassem Holz und Teer lag ihm wie ein Tuch auf der Zunge. Er hätte umkehren sollen. Stattdessen zog er die Finger vom kalten Pergament seiner Brusttasche – er hatte eine Botennotiz für das Schreiberhaus beim Salzspeicher abgeben sollen – und hob die Hoflaterne höher. Das Licht gehorchte ihm, obwohl seine Hand zitterte. Es machte keinen Windschatten. Es ergab überhaupt keinen Sinn.

„Bursche! Weg da!“ Der Vorarbeiter, ein breitschultriger Mann mit einem Gesicht wie ein krummer Pflock, stapfte auf ihn zu. Seine Stiefel sanken in den Schlamm, aber sie hinterließen keine Spuren.

Bruch, dachte Arin. Das Wort kroch von allein in seinen Hinterkopf. Kein schönes Wort. Eines, das man in der Stadt so leise sagte, als könnte es sich sonst vermehren. Arin mochte keine Wörter, die man nur flüstern durfte. Er mochte Wörter, die man aufschreiben konnte, damit andere wussten, was zu tun war. Das Schreiberhaus hatte ihn als Waise aufgenommen und ihm mehr gegeben, als er je zurückgeben konnte: das Lesen, das Schreiben, das Verstehen. Etwas davon wollte er der Stadt zurückgeben. Damit Varin ein Ort wurde, an dem man solche Wörter nicht flüstern musste.

„Ich muss nur -“ Arin brach ab. Unterhalb der Treppe, wo der Putz bröselte, lag etwas im Ruß. Ein runder Fleck Wachs, groß wie ein Silberstück, matt, als habe ihn jemand mit Asche verrührt. Er schimmerte nicht rot, nicht grün, nicht blau. Grau.

Arin kniete, die Knie sofort kalt und nass. Die Laterne hielt er dicht darüber. Der Wachsrand war sauber, keine Schlieren, keine Daumenspuren. In der Mitte: drei Stanzungen, so fein, dass man mit dem Auge kaum die Linien sah – eine Krone mit fünf Zacken, ein Zahnrad mit ungerader Zahl Zähne, eine Waage, deren Balken minimal nach links hing. Drei Symbole, sauber gesetzt, und doch lag etwas Unwirkliches darin, wie ein gezeichneter Mund, der weiterspricht, wenn niemand mehr redet.

…

Hier endet die Hörprobe. Das Kapitel geht weiter, und mit ihm die Saga.